Auf ein Wort: Hygge-Hype

 

Habt Ihr es auch schon gemerkt? In Deutschland ist der Hygge-Hype ausgebrochen. Zuerst machte mich eine Journalistin darauf aufmerksam, dass „Hygge“ in Deutschland ein Thema ist. Dann fiel mir bei einem Besuch einer Bonner Buchhandlung ein ganzes Regal mit Büchern zur „Hygge“ auf. Schlussendlich lachte mich noch die erste Ausgabe einer neuen deutschen Zeitschrift am Bahnhof an:„Hygge -  einfach Glücksein“ (siehe Foto). „Was ist denn in Deutschland los?“, habe ich mir da natürlich gefragt. Nach der Lektüre der Zeitschrift würde ich sagen: In Deutschland ist eine große Sehnsucht los: Eine große Sehnsucht nach einem stressfreien Leben und nach einem besseren Miteinander. All das verbindet man in Deutschland mit dem Stichwort „Hygge“, das mit „Gemütlichkeit“ ja nur ansatzweise übersetzt werden kann.

Na ja, dachte ich nach Lektüre dieser Zeitschrift, es wäre ja schön, wenn es den Deutschen gelänge, ein wenig mehr skandinavisches Lebensgefühl in ihren Alltag zu integrieren. Jedoch muss ich gestehen, dass mich diese Zeitschrift auch etwas aggressiv gemacht hat. All diese superglücklichen Menschen, die den ganzen Tag entspannt miteinander Kaffee trinken und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen! „Das sind doch Klischees, die da verkauft werden!“ dachte ich bei mir. Natürlich, Dänemark und Schweden sind schon sehr schön und es gibt meiner Meinung nach einiges, was die Deutschen von den Skandinaviern lernen könnten, aber das Himmelreich ist auch hier noch nicht völlig umgesetzt worden und auch mit der „Hygge“ ist es nicht ganz so einfach, wie es die Bücher schildern. Mir ist das bewusst geworden, als ich mit Freunden ins Gespräch kam und mir einige von ihren negativen Hygge-Erfahrungen berichteten. Sowohl Dänen als auch Deutsche erzählten mir, dass Hygge mitunter auch etwas Ausschließendes haben kann. Nämlich dann, wenn Hygge bedeutet, dass man es sich am liebsten nur noch mit seinen engsten Freunden und Verwandten gemütlich macht und kein Platz mehr da ist für andere und neue Leute. Ist Hygge heutzutage deshalb so populär, weil wir in so unübersichtlichen Zeiten leben? Will man da vielleicht noch mehr als sonst seine gemütliche Ruhe haben, es sich nett machen mit den Leuten die man eh schon gut kennt und zieht deshalb die Tür zur „Ach-so-bösen-Welt“ vielleicht noch ein wenig fester zu? Bei dieser Frage lohnt sich ein Blick in die Bibel. Zwar kommt das Wort „Hygge“ dort nicht ausdrücklich vor, aber Jesus war schon ein ziemlich „hyggeliger“ Mensch. Seine Abendessen mit den Jüngern darf man sich schon ziemlich gemütlich-hyggelig vorstellen, zwar nicht mit Kaffee und Kuchen, dafür aber mit Wein und anderen leckeren Dingen. Es waren diese Abende, die Jesus den Ruf einhandelten, ein „Fresser und Weinsäufer“ zu sein. So wird es in der Bibel selber unwidersprochen zitiert. Das spricht dafür, dass Jesus jemand war, der das Leben genießen konnte. Der christliche Glaube predigt also nicht nur Entbehrung und vertröstet nicht aufs Jenseits. Jesus lädt dazu ein, das Leben zu genießen, am besten in der Gemeinschaft mit anderen Menschen. Diese anderen Menschen sind bei Jesus aber nicht nur die engste Familie und die besten Freunde. Jesus feierte zusammen mit „Sündern, Zöllnern und Huren“, also mit Menschen vom Rand der Gesellschaft und mit zweifelhaftem Ruf. „Hygge“ im Sinne Gottes ist also keine geschlossene Gesellschaft. Im Gegenteil. Für Gott ist es nur dann im wahrsten Sinne des Wortes gemütlich, wenn auch Menschen an diesem Miteinander Anteil haben können, die sonst auf der Schattenseite des Lebens stehen. In der Bibel sind dies oft die Armen, die Behinderten und die Obdachlosen. Heutzutage denke ich bei diesen Worten an die Flüchtlinge. Sind wir in Dänemark und in Deutschland wirklich offen für diese Menschen? „Hygge“ im geistlichen Sinne ist es nur dann, wenn auch sie mit am Tisch sitzen können. 

 

Einen gemütlichen Herbst wünscht 

Euch Euer Peter Krogull

 
 
  
  
 
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